Herbert W. Franke - Computer und Kreativität
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Als Beispiel soll jener Aufgabenbereich herausgegriffen werden, der sich mit dem Begriff der "visualisierten Mathematik" verbindet. Es läßt sich beweisen, daß mit Hilfe von Bildern eine ähnlich effektvolle Beschreibung mathematischer Zusammenhünge möglich ist wie mit Formeln. Allerdings sind beide Beschreibungssysteme nicht austauschbar, sondern komplementär aufeinander bezogen. So ermöglicht die Formel beispielsweise eine allgemeinere Darstellung des Sachverhalts, allerdings auf Kosten der Anschaulichkeit. Wahrnehmungspsychologen haben bewiesen, daß Wissenschaftler, Studenten, und andere Nutzergruppen den größten Teil ihrer Denkkapazität für die Interpretation der Formel aufwenden müssen, ehe sie sich weitergehenden Überlegungen widmen können.

Auf der anderen Seite gestattet es das Bild, einen singularen Fall herauszugreifen, und das notwendigerweise auf Kosten der Allgemeinheit; dafür aber wird vieles unmittelbar verständlich, was aus der Formel erst mühsam herausgeholt werden muß, und man kann seine gesamte Denkkapazität dem eigentlichen Problem zuwenden.

Die aus mathematischen Beschreibungen entstehenden Bilder sind aber weit über das Feld der Mathematik hinaus bedeutsam. Wie leicht zu bestätigen ist, wird jedes auf dem Ausgabeschirm des Computers entstehende Bild zunächst einmal mathematisch beschrieben. Das gilt sogar für solche Bilder, die mit Hilfe von Paint-Systemen entstehen, solchen, die den konventionellen Mal- und Zeichenvorgang simulieren. Das gilt natürlich noch mehr für Bilder, die durch Programme beschrieben werden, und das ist die Methode der Zukunft, speziell wenn das Ziel in bewegten Bildabläufen liegt.

Daraus ergibt sich ein Programm, das von der Wissenschaft bis in die Kunst reicht, von visuellen wissenschaftlichen Sprachsystemen bis zur freien Gestaltung.

Zwischen der reinen Mathematik und der Kunst liegen unzählige Gestaltungsaufgaben, wobei es einfach darum geht, die bisher üblichen sprachlichen Beschreibungen durch effektivere Bilder zu ersetzen. Davon ist u.a. jede Art von Kommunikation betroffen, und es dürfte kein Zweifel daran bestehen, daß der größte Teil davon über Netze laufen wird. Bemerkenswert daran ist, daß stets dann, wenn Bilder in kommunikative Prozesse einbezogen sind, auch ästhetische Wertungen relevant werden. Das liegt einfach daran, daß bei der Gestaltung nicht alle Bildparameter belegt sind, sondern einer freien Entscheidung überlassen bleiben, die dann aus ästhetischen Gesichtspunkten heraus getroffen wird (- was im übrigen beim sprachlichen Ausdruck auch nicht anders ist, doch meist unbeachtet.bleibt). Das bedeutet nicht unbedingt, daß alles, was im Datenraum gestaltbar ist, auch gleich zur Kunst wird; es bedeutet aber, daß künstlerische Fähigkeiten bei allen diesen Gestaltungsaufgaben gefragt sind. Auch darin liegt eine gewaltige Herausforderung an unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie und unsere Kreativität.

Herbert W. Franke 1996 zur KlangForschung 99



 
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