Peter Neubäcker

Freier Musikforscher, München

Softwarepräsentation:

"MELODYNE - Die Befreiung des Klangs von Tonhöhe und Zeit"
 

Bei der Studioarbeit in der Musikproduktion kann man zwei grundsätzlich verschiedene Ebenen des Umgangs mit dem musikalischen Material unterscheiden: Ein Teil des Materials ist auf der Ereignisebene als (MIDI-)Noten definiert - diese können jederzeit in ihrer Tonhöhe, Zeitposition und im Klang verändert werden. Der andere Teil, meist einzelne Gesangs- oder Instrumentalstimmen, liegt als aufgenommenes Audio-Material vor: dieses Material ist "eingefroren" und der Bearbeitung nicht in der gleichen Weise zugänglich wie die MIDI-Noten. Die als "Time-Stretching" und "Pitch-Shifting" bekannten Techniken zur Veränderung dieses Audiomaterials sind zwar schon recht weit entwickelt und werden nötigenfalls zur Veränderung der aufgenommenen Stimmen eingesetzt, jedoch meist im Sinne einer "Korrektur" oder "Anpassung" an die Erfordernisse der Komposition. Für ein freies Editieren des Audiomaterials in der gleichen Weise, wie es bei den MIDI-Noten möglich ist, fehlte bisher die Zugriffsmöglichkeit.

Die neue Audio-Software "Melodyne" bietet jetzt diese Zugriffsmöglichkeit. Sie beruht auf einem speziellen Verfahren zur Klangerzeugung einerseits und auf der Erkennung von Noten im Audiomaterial andererseits.
Das neu entwickelte Verfahren zum Abspielen von Audiomaterial versteht einen Klang grundsätzlich als "zeitlokal" und macht so den Klang völlig unabhängig von seinem ursprünglichen Verlauf und Tempo. Auch Tonhöhe und Formantlage werden bei diesem Verfahren zu freien Parametern, die beim Abspielen in Echtzeit beliebig verändert werden können. Dadurch werden möglich: Bei unveränderter Tonhöhe Tempoveränderungen von Stillstand bis beliebig schnell; die Audiospur folgt dem Sequencer bei freien Tempoänderungen; Transposition einer Tenorstimme in eine Sopranstimme oder Baßstimme über mehr als eine Oktave auf- oder abwärts; alle Veränderungen sind reine Echtzeit-Abspielparameter, d.h. es erfolgt keine Umrechnung des Audiofiles.
Die aus dem aufgenommen Material extrahierten Noten werden dem Benutzer als mit der Maus "anfassbare" Objekte angeboten, die beliebig auf neue Tonhöhen- oder Zeitpositionen verschoben werden können. Bei Tonhöhenveränderungen bleiben der Klangcharakter und die Phrasierung innerhalb einer Note erhalten, und auch die Übergänge zwischen verbundenen Noten bleiben musikalisch sinnvoll.
Es kann aber auch der Klangcharakter völlig verfremdet oder die Phrasierung innerhalb einer Note verändert werden, z.B. durch Reduzierung oder Verstärkung von vorhandenem Vibrato, oder der Zeitverlauf innerhalb einzelner Noten kann gezielt verzerrt werden, so daß sie mehr Stakkato- oder Legatocharakter bekommen. Auf diese Weise eröffnet "Melodyne" einen Zugang zum Editieren und Komponieren auf der Basis von Audiomaterial, wie er bisher nur von MIDI her geläufig war.

Kurzbiographie:

Peter Neubäcker ist ursprünglich Gitarrenbauer und Musiker - doch da ihn mathematische Gesetzmäßigkeiten in der Musik immer am meisten interessiert haben, hat sich der Instrumentenbau mehr an den Computer verlagert. Aus dieser Arbeit sind viele Spiel- und Werkzeuge zur algorithmischen Komposition und zur Klangbearbeitung und auch einige Kompositionen entstanden. Seit etwa zwei Jahren ist er hauptsächlich mit der Entwicklung des neuen Audioprogramms "Melodyne" beschäftigt. In München koordiniert er das "Forum experimentelle Musik und Computer" und den "Arbeitskreis Harmonik", der sich mit dem Feld zwischen Musik, Mathematik und Philosophie beschäftigt.

 
< zurück   weiter >